Erinnerungen & Geschichten
Damals im Hülser Schwimmbad – Immaterielles Kulturerbe
von Hans-Martin Große-Oetringhaus
„Ich bin ein Stück immaterielles Kulturerbe.“ Das können alle hier vertretenden Autorinnen und Autoren von sich stolz behaupten. Dieses Label hat ein Gutachten des Denkmalschutzes dem Badebetrieb des Hülser Freibades und damit ihnen verliehen. Nach dem Bau des Naturbades 1936 währte das Schwimmglück allerdings nicht lange, denn während des Krieges und einige Zeit danach blieb es geschlossen. Dann aber wurde es zu einem wichtigen sozialen und sportlichen Treffpunkt. Zahlreiche Hülserinnen und Hülser berichten heute noch begeistert, wie sie hier schwimmen gelernt haben, wie sie hier im Sommer ihre Freizeit verbracht haben, wie sie hier ihre Freundinnen und Freunde kennengelernt und getroffen haben. Vor allem all jene, die es sich nicht leisten konnten, in den Sommerferien weite Reisen zu unternehmen, konnten im Bad ein preiswertes Vergnügen finden. So übernahm das Bad eine äußerst wichtige soziale Funktion. Pro Tag lagen die Besucherzahlen zwischen 50 und maximal 800 Badegästen. Zuletzt, im Jahr 2018, zählte das Bad 9.000 Besucherinnen und Besucher.
Doch dann kam der Schock. Das Bad wurde 2019 zum Unverständnis und gegen den Protest zahlreicher Hülserinnen und Hülser geschlossen. Doch nach 90 Jahren konnte zumindest das Gelände durch viel ehrenamtliches Engagement des sich neu gegründet Verein Bruchgold wieder eröffnet werden und so das immaterielle Kulturerbe fortführen.
Bruchgold, was für ein passender Name! Gemeinhin verbindet man damit gebrauchtes oder beschädigtes Gold. Aber aus ihm kann Neues gewonnen werden. Für die Menschen in Hüls hat „Bruch“ jedoch noch eine viel schönere Bedeutung. Das Bruch zählt zu den Lieblingsorten der Hülser wie eine Fotoausstellung des Heimatvereins deutlich gemacht hat. Genau dort, wo das Landschaftsschutz- und Naturschutzgebiet des Hülser Bruchs und der Ort aufeinanderstoßen, befindet sich das wiedereröffnete Badgelände, das jetzt mit neuem Leben gefüllt wird.
Namensanreger war ein Gedicht der Hülser Lyrikerin Liesel Willems, die in einem ihrer jüngsten Gedichtbände „Bleibschein“ über das Altern vom „Lesen lernen. In Tagen, in Stunden, im Bruchgold von Sekunden“ schreibt. Da kam die Idee auf: man könnte das kurze Bruch-U auch in die Länge ziehen und hätte so einen der Hülser Lieblingsorte vor Augen und mit ihm das wiedereröffnete Freibadgelände. Und das ist in der Tat goldwert. Der Verein hat sich vorgenommen, diesen Bruchgoldschatz zu heben.
Und dabei sollen auch alle Erinnerungen mitgehoben und erzählt werden, die damit verbunden sind. Denn viele erinnern sich noch gerne daran, wie sie hier einst Schwimmen gelernt haben und erzählen von stolzen Schwimmerfolgen, Pleiten, Pech und Pannen, von fröhlichen, unvergesslichen Nachmittagen, von Sommer-Abenteuern, von Freundschaften oder auch vom ersten Kuss. Solche erlebten Geschichten dürfen nicht verloren gehen. Schließlich sind sie ein wichtiger Teil des immateriellen Kulturerbes.
Träume am Meer der Sehnsucht
von Liesel Willems
Gelebte,
geteilte
und vererbte Träume
wachsen
am Staketenzaun
ins Uferlose.
Auf dem Meer der Sehnsucht
Enten
wie eh und je.
Das Hülser Naturbad und die Sichttiefe der Selbstverwirklichung
Ein Lehrstück in chlorfreier Pädagogik (Herrn Ernesto Dünwald gewidmet) von Wolfgang Jachtmann
An einem warmen Sommer-Samstag des Jahres 1966 beschloss mein Vater, dass es an der Zeit sei, mich dem nassen Element anzuvertrauen. Nicht etwa einem chlorierten Luxusbecken mit Edelstahlrutsche, nein! Dem Hülser Freibad, einer Vorkriegskombination aus rauen Zementwänden, Kies, biologischem Restschlamm und – aufgrund des ewig kalten, braunen Wassers - der Fähigkeit zur Abhärtung meines kindlichen Charakters.
Das Freibad lag malerisch am Rande des Hülser Bruchs, jener geheimnisvollen Landschaft aus uralten Kopfweiden, unerschütterlichen Brennnesseln und Mücken mit brachialer Stechlust.
Entlang der Straßenseite erhob sich eine Reihe majestätischer Pappeln, deren Blätter im Wind rauschten wie Wellen, die sanft gegen ein unsichtbares Ufer schlugen. Das Prunkstück des Geländes war die sanft ansteigende Liegewiese, die aus dem Aushub des Beckens errichtet worden war. Nirgendwo sonst konnte man so stilvoll auf Erdreich liegen, das einst von schwitzenden Männern mit bloßen Händen und Schippen aufgeschüttet worden war. Man konnte von dort aus das gesamte Schwimmbecken überschauen – und gleichzeitig einen weiten, freien Blick auf das Hülser Bruch genießen: Links Kopfweiden, rechts Bademeister. Aussicht und Aufsicht – vereint im Dienst lokaler Sommerfrische.
»Du musst schwimmen lernen«, sagte mein Vater. Ich vermute, es war eine Mischung aus väterlicher Fürsorge, tiefsitzendem Vertrauen in meine Überlebenskunst – und einem spontanen Bedürfnis, mich den rücksichtslosen Hülser Naturgewalten auszuliefern.
Meine Angst war real. Sehr real. So real wie die braunen Schwebeteilchen, die jede Sicht in die Tiefe verhinderten und mir die Illusion vermittelten, dass sich dort unten ausgehungerte Karpfenhaie oder sozial vernachlässigte Hechte herumtrieben.
»Keine Sorge«, sagte mein Vater, »hier gibt es keine Raubfische.«
Ich glaubte ihm natürlich sofort – also überhaupt nicht. Während ich schlotternd wie ein vietnamesischer Reisbauer durch knietiefes Wasser watete, schwamm mein Vater erst einmal ein paar Bahnen. Und ich verlor ihn aus den Augen.
Zur Rettung erschien dann Herr Dünwald, der Bademeister – eine Kreuzung aus weiß gewandeltem Ordnungshüter und preußischem Bildungsbeauftragten. Er sah mich an, dann das Wasser, dann wieder mich – und verkündete mit Grabesstimme: »Der Junge wird schwimmen. Heute.« Was er nicht sagte: »…oder untergehen.«
Doch Herr Dünwald war kein Sadist. Er war einfach ein Mann, der glaubte, dass ein hartes Betonbecken und 17 Grad kaltes Wasser einen Menschen formen wie Michelangelo seinen David. Und er hatte recht. Nach mehreren Stunden der Panik, des wilden Prustens und unfreiwilliger Tauchgänge konnte ich tatsächlich schwimmen. Und zwar geradeaus, ohne Weinen. Zum Lohn bekam ich das Freischwimmerabzeichen – feierlich auf die Badehose genäht. Drei Tage später zerfiel die Hose. Nicht nur mein Charakter war gewachsen, sondern auch mein Bauchumfang.
Unser Hülser Freibad war über die folgenden vielen Sommer hinweg nicht nur für mich ein wichtiger Motor für die Entwicklung. Sobald das Wetter es zuließ, trafen sich hier dutzende Hülser Jungen und Mädchen zu gemeinsamen Spielen und kleinen Abenteuern. Dort lernten wir, wie man beim »Eckenschwimmen« sportliche Überlegenheit demonstriert und beim Untertauchen Freundschaften ruiniert. Es gab eine Wiese zum Fußballspielen und einen malerischen kleinen Kiosk für die Cola danach. Irgendwann versuchten wir mit immer waghalsigeren Sprüngen vom Einmeterbrett unsere Mädchen zu beeindrucken. Wenn man sehr mutig war, sprang man mit einem Rückwärtssalto. Und wenn man extrem mutig war, sprang man und kletterte ohne Badehose aus dem Becken – denn die verschwand manchmal in den blickdichten Fluten und fand ihre letzte Ruhestätte im ewigen Kies. Danach wurde man von Herrn Dünwald öffentlich pulverisiert, was dem Heldentum mit blankem Hinterteil aber keinen Abbruch tat.
Wir entwickelten erste Formen des Balzverhaltens – Beckenrand-Geschubse, demonstrative Arschbomben und zufällige Unterwasser-Bikini-Berührungen. Es war die Sprache der Hormone in feucht-fröhlicher Ausgelassenheit. Das gehörte zu unserem Bad und das Bad gehörte zu uns wie die Hülser Burg und das Breetlook.
Sogar in unserem ersten Familienurlaub in Kroatien – mit türkisblauem Meer, echtem Sandstrand und einer Dusche, die warm wurde – zählte ich sehnsüchtig die Tage, bis ich wieder in das kalte, braune Wasser meiner Freiheit springen konnte.
Denn, wie man in Hüls sagte: Ein warmer Sommertag ohne das Freibad, dessen Sichttiefe irgendwo zwischen Nebelbank und Milchkaffee lag, war ein verlorener Tag.
Kopfkino mit den schönsten Jugenderinnerungen
von Annette Erlenwein
Heute ist es immer noch der heimatliche Fahrradweg zum Elternhaus von Hüls Nord nach Hüls Süd, der kleine Weg, vorbei am Bruchgold – immer mit Blick auf unser geliebtes, altes Freibad. Und Sie sind auch gleich alle da – Kopfkino - die schönsten Erinnerungen an unsere Jugend, ab Kommunionalter und das über 40 Jahre. Hier war in den Sommerferien nach dem HSV-Zeltlager und nachher Pfarrjugend-Lager und „Kneipe Flo“, unser Treffpunkt Nr.1. Da war man ab Kindesalter immer gut aufgehoben zur Beruhigung aller Eltern, auch mit trübem Wasser und anschließend dunklerem Bikini oder Badeanzug.
Auch heute noch schaue ich immer kurz nach links (von Nord kommend) oder rechts (aus Süd kommend), durch mein „Löcksken“ in der Hecke auf unser schönes Bruchgold. Da schaute man früher doch erstmal durch, um in pubertärer Lebensphase die Lage zu checken, wo denn welche Jungs waren und auf welcher Wiese sie lagen. Vor allem aber, mit Wem? Nichtschwimmer-, oder Schwimmerwiese (da durften die Großen auch rauchen) … da lagen wir aber nicht immer so gerne, weil da spielten alle Eckenschwimmen und man wurde auch öfter mal gedöppt. Ertrunken ist dabei in dem „trüben Wasser“, mit einer der besten Freibad-Wasserqualitäten von NRW eigentlich nie jemand, soweit ich mich erinnere.
Bei den Nichtschwimmern lagen wir auf der Wiese immer unter den zwei Bäumen am Rand, die heute leider nur zwei Stumpen sind. Da hatte man alles im Blick, wer so vorbeikam Richtung Umkleide. And: immer mit unserem damaligen Lieblingseis: „Brauner Bär“ – innen mit Karamell – das gab es kurzzeitig nochmal – lecker! Ganz wichtig war übrigens auch das „Tütchen mit Süß“ nach dem Schwimmen am Büdchen, mit Salmiakkugeln, Smylis oder Hubba Bubba Erdbeer-Kaugummis, für besonders große Blasen…
Ach ja, die Umkleiden mit den kleinen Astlöchern im Holz, die auch gerne von den Jungs zum Lauern genutzt wurden. Es war eine wunderbare Zeit, ein geselliger Platz für alle, vor allem für Kinder und Jugendliche, was ja heute neben dem tollen Vereinsangebot in Hüls leider fehlt. Einfach ein Treffpunkt wo man gesellig beisammen sein, das kann man hier heute wieder, dank großem, liebevollem Einsatz von vielen Ehrenamtlichen.
Unser Bruchgold am Sonntag: Familien-Café mit hausgebackenen Kuchen oder Picknick am See, Freizeitangebot, Kunst in den Kabinen und Wasserspiele für Kinder und Beachvolleyball - und das ist einfach großartig. Dafür ein dickes „Danke“! Und wer weiß, vielleicht (hoffentlich) kann man in Hüls irgendwann mal wieder schwimmen… Eine kleine Hoffnung bleibt in meinem Herzen.
Blauer Himmel – trübes Wasser
von Liesel Willems
Blau war das Wasser nie. Unser Glückstrigger war grün, braun, grau, undurchsichtig. Anstelle von auslaufendem, gelbem Sand befand sich eine Beton kante: grau, Fliesen rotbraun, dann wieder grau, dann braungrün, vielzertrampelte Wiese.
Aber den blauen Himmel teilten wir schon damals mit allen, die einen Meeresstrand nur von Bildern kannten. Und die blauen Lippen vom kalten Wasser teilten wir mit den Vielen, die sich ausbaden wollten, unter einer Sonne, die uns allen galt.
Das Wort Teilhabe benutzte man damals noch nicht. Unseren Schwimmbadsommer genossen wir mit allen, die einen Groschen Eintrittsgeld bezahlen konnten, für einen Tag, der mit nichts zu berechnen war. Kein Wunder, dass sich das speichern ließ mit Haut und Haar.
Nie war es selbstverständlich, dass unser Schwimmbad im Sommer geöffnet war. Immer musste das Wetter mitspielen, der Bademeister, die Büdchenbetreiber. Vielleicht erhöhte das Vermissenmüssen unsere Begeisterung für jeden neuen Tag, an dem sich herumsprach, dass das Tor wirklich geöffnet worden war. Nie wurden wir übersättigt vom Jederzeit, von dem vielen Uns-weismachen-wollen, es fehlte zum Glück. Und doch, so schien es mir, brachten alle ein Päckchen mit, von dem was auszubaden war.
Was uns unterschied, war das Leuchten der Badeanzüge, der Flausch der Badetücher und wieviel Pfennige fürs Büdchen mitgegeben worden waren.
Im Wasser verrosteten alle Farben. Im Wasser trafen sich Kleine und Große, Schwimmer und Nichtschwimmer, Schwache und Starke, Friedliche und Kampflustige, Angeber und Anbeter. Vom Beckenrand pfiff der Bademeister.
Keiner sollte untergehen.
Pech und Glück
von Beate Hense
Unser Sohn war 15 und stolzer Besitzer eines Mofa-Führerscheins. Er fuhr zum ersten Start nicht mit in den Familienurlaub. Natürlich hatten wir ihm Verpflegungsgeld gegeben und zusätzliches Geld für seine Geburtstagsparty. Er steckte alles zu seinem Führerschein ins Portemonnaie. Zweieinhalb Wochen sturmfreie Bude, Freibadwetter, die Kumpels auch alle vor Ort – das große Glück eines Teenagers!
Am zweiten Tag im Freibad: Es war heiß und ein Eis musste her. Nach dem Kauf kam das Portemonnaie hinten in die Badehose. Kurz darauf wurde wieder Eckenfangen gespielt, eine der schönsten Erinnerungen unserer Kinder ans Freibad! Als dann der Hunger groß wurde, sollte eine Pommes her. Aber das Portemonnaie war nicht auffindbar. Nach langem, gemeinsamem Suchen wuchs die Erkenntnis, dass es wohl im Wasser aus der Hose gerutscht war. Das Tauchen vieler Freunde brachte auch kein Ergebnis: Das Portemonnaie war wohl im Schlamm versunken. So stand unser Sohn schon am zweiten Urlaubstag ohne einen Pfennig da und musste uns das kleinlaut am Telefon gestehen.
Nach einigen Jahren, dann schon in Eurozeiten, wurde das Freibad mal wieder ausgepumpt und entschlammt. Dabei tauchte auch sein Portemonnaie wieder auf und sein Besitzer konnte anhand des Mofa-Führerscheins identifiziert werden. Die DM-Scheine waren alle noch vorhanden, wenn auch ziemlich vermodert und zerrissen!
Schwimmbadeis unter den Kufen und im Mund
von Elisabeth Tümmers
Ich bin 1935 geboren. Im Winter der 1940er Jahre, besonders in den Weihnachtsschulferien, wenn es draußen knackig kalt war, zogen wir „Mädsches de Rhinstroat“ auf unsere Eisfläche im Hülser Schwimmbad. Jeder, der auf dem „Söller“ (Speicher) noch ein paar alte Schraubdampfer gefunden hatte, kam mit. Sie wurden mit einem Schraubenschlüssel an der Schuhsohle festgeschraubt, aber meistens hielt die Schuhsohle diese Experimente nicht aus und fiel vom Schuh. Großes Geschrei, denn im Krieg gab es nichts zu kaufen – auch keine Schuhe.
Wir Glücklichen versuchten, auf dem Eis zu laufen, sogar Pirouetten zu drehen, aber meistens landeten wir auf dem Po. Hauptsache, man sah unsere Künste.
Ein verstärktes Durstgefühl kam immer auf, aber am „Büdchen“ gab es nichts zu trinken. Deshalb lutschten wir Kinder kleine Eisklümpchen vom Schwimmbadwasser. Mmh, mmh lecker!! Keiner von uns ist an dieser Leckerei gestorben.
Ein Platz an der Sonne
von Hanni Bartsch
Damals in meiner Kindheit (ich bin 1937 geboren) kam der Winter mit Eis und Schnee daher und der Sommer verwöhnte uns mit beständig schönem Wetter. In den Schulferien (Ende der 40er Jahre) hieß es bei uns Kindern „pack die Badehose ein“; nur ging es nicht zum Berliner Wannsee, sondern wir gingen schon vormittags ins Hülser Freibad. Mit Decke, Handtuch und Verpflegung, mit Butterbroten, Himbeersaft mit Wasser verdünnt und Freundinnen machten wir uns auf den Weg. Dort angekommen, breiteten wir unsere Decke auf der leicht ansteigenden Wiese aus, um schnell ins kühlende Nass zu kommen.
Liegewiese und Wasser befanden sich auf der linken Seite des Freibadgeländes und die Wasseroberfläche war waagerecht in der Mitte durch einen Holzbalken geteilt in Nichtschwimmer und Schwimmerbereich. Wir Kinder gingen von der Wiese aus ins Wasser bis zum Balken. Unsere Füße hatten bis dahin noch Bodenhaftung. Man hielt sich mit dem linken Arm am Balken fest und mit der anderen Körperseite machte man Schwimmversuche. Irgendwann hatte man den Bogen raus. Man brauchte sich nicht festzuhalten und schwang sich über den Balken ins „große Wasser“.
Die ganz Mutigen sprangen dann vom 1-Meter oder 3-Meter-Sprungbrett ins Wasser. Ich gehörte leider nicht dazu, da ich die Atemtechnik des Tauchens nicht beherrschte. Einmal fiel der Unterricht aus und wir machten einen Schulausflug ins Hülser Freibad. Soweit ich mich erinnere, ging unsere Lehrerin, Fräulein Klockner, nicht ins Wasser, sondern stand mit dem Bademeister am Drei-Meter-Brett und beobachtete uns.
Den Krieg mit seinem Bombenalarm und den Kellernächten habe ich bis heute nicht vergessen. Als dann endlich der Krieg und die Nächte im dunklen Keller vorbei waren, genoss ich später die Aufenthalte im Hülser Schwimmbad umso mehr. Sie waren für mich wirklich „ein Platz an der Sonne!“
Schwimmenlernen
von Susanne Krudewig
Es war einer dieser sonnig-heißen Sommertage, als drei meiner Geschwister sich auf den Weg ins Schwimmbad machten. Und, oh Jubel, ich durfte mit. Mein Bruder hatte nämlich eine Mission. Von der ich allerdings Gott sei Dank nichts ahnte…
Nachdem die Decke ausgebreitet und der Bestand an Proviant kontrolliert war, ging es ins Wasser. Vorne: Nichtschwimmer. Mein Bruder folgte mir, nahm mich auf den Arm und trug mich sicher bis zum Balken. So weit draußen war ich noch nie. Das glitschige Rundholz gab nur eingeschränkt Sicherheit. Aber – da war ich. Die Kleine. Am Balken! Unter mir gefühlt die Tiefsee. Hinter dem Balken die Welt der Großen. Da wurde angegeben, kokettiert, gebalgt was das Zeug hielt. Auch geschwommen, aber das war Nebensache.
Und was macht man als kleiner Mensch am glitschigen Balken mitten in der Tiefsee? Man versucht zu Schwimmen. Man hat ja schließlich keine Wahl. Der Bruder steht mit vor seiner Brust verschränkten Armen daneben. Und nur wenn er wirklich den Eindruck hat, dass ich gerade ertrinke, rettet mich seine Hand unter meinem Bauch und gibt mir wieder Auftrieb.
Irgendwann ist es endlich soweit. Ich schwimme! An der Wasseroberfläche! Im Hülser Freibad! Jetzt konnte ich endlich mit den Großen mithalten. Was für ein Ereignis in meiner kleinen Welt!
Spaß im Abflussrohr
von Josef Porth
Was war das früher für eine schöne Zeit, damals im Freibad! Zwischen dem Schwimmbecken gab es ein Abflussrohr zur Drew. So nannten wir die Flöth. Es war ein besonderer Spaß für uns Jungen, durch dieses Rohr vom Wasserbecken in den Bach zu schwimmen und danach wieder zurück. Das war damals noch mehr Natur. Da schwammen sogar Fische mit uns durchs Rohr.
Lakritzwasser
von Ria Krudewig
Das waren immer schöne, anspruchslose Sommerferien im Hülser Bad. Meine Schwester Marleen und ich hingen viel am Balken, der uns Nichtschwimmer vom tiefen Wasser abtrennte. Dort übten wir das Schwimmen ohne Lehrer. Und eines Tages klappte es tatsächlich bei meiner Schwester. Unsere Mutter kam an den Zaun und brachte uns eine süße Belohnung. Etwas zu trinken hatten wir bereits selbst mitgebracht. Besonders beliebt war „Schümke schlagen mit Huskuk“, hergestellt aus Lakritz von Lawazcek. Zwei Wochen später konnte auch ich schwimmen. Das erzählte ich meiner Mutter. Die war begeistert aber kam für mich nicht an den Zaun. Das machte mich mutiger und ich sprang, vielmehr plumpste ich vom Drei-Meter-Brett. Das lockte meine Mutter dann doch an den Zaun mit der gleichen süßen Überraschung wie bei meiner Schwester. In den folgenden Jahren verbrachten wir unsere Sommerferien viel hier. Die üblichen Eckenschwimmer waren wilde Jungen. Die mieden wir.
Spätes Seepferdchen
von Stefan Erlenwein
Ich habe erst mit über 30 mein Seepferdchen gemacht. Nach einer durchzechten Nacht im Flo trafen wir uns am nächsten Tag im Freibad. Nach kurzer Akklimatisierung haben wir dann wieder leichte Bierlaune bekommen. Dies bewegte mich dann dazu, beim Bademeister mein Seepferdchen endlich mal abzulegen, was ich als Kind nie angegangen bin. Schwimmen, Springen und dann eine Hand Dreck vom Grund hochtauchen, ging alles wie ein Kinderspiel und der Applaus meiner Mitstreiter war der Lohn für all die Mühen.
Das Büdchen – ein Kinderparadies
von Christel Reichelt
Ich bin jetzt 86 Jahre alt und war schon als kleines Mädchen immer im Hülser Freibad. Hier habe ich schwimmen gelernt, und zwar bei Herrn K., dem ehemaligen Bademeister. Dann wurden Frei- und Fahrtenschwimmer gemacht. Die Abzeichen trugen wir stolz auf unserem Badeanzug. So verbrachten wir den ganzen Sommer im Schwimmbad, auch schon mal mit Regenschirm, denn in Urlaub fuhren wir noch nicht. So haben wir unsere Ferienzeit hier verbracht.
Im Wasser schwammen schon mal kleine, rote Insekten oder Wasseralgen. Aber das hat uns nicht gestört. Als später die eigenen Kinder klein waren, fuhren wir zuerst mal nach Grefrath in das neue schicke Freibad. Aber dann zog es uns zurück nach Hüls. Die Kinder hatten hier ihre Freunde und waren ganz begeistert. Ab 1982 ging ich mit meiner Schwimmfreundin jeden Tag zum Schwimmen ins Hülser Freibad. Jeden Morgen trafen wir uns um elf Uhr und schwammen dann unsere Runden. Hinterher fühlten wir uns immer wie neu geboren. Es war eine tolle Zeit.
Wenn wir die warme Dusche, die wir nach dem kalten Wasser kurz benutzen, einmal ausfiel, durften wir die Dusche von Herrn S., genannt Rudi, benutzen. Der führte das Schwimmbad mit strengem Regiment. Und so mancher, der seinen Befehlen nicht folgte, musste das Bad verlassen.
Dann war da noch das Büdchen, ein Kinderparadies. Hier konnte man für 50 Pfennig eine ganze Tüte voller Süßigkeiten kaufen. Da gab es alles einzeln: Bonbons, Lakritzschnecken, saure Schlangen in allen Farben, Schaumküsse und noch vieles mehr, vor allem auch Eis. Wenn unsere Tüte gefüllt war, marschierten wir wieder stolz an unseren Liegeplatz zurück und verzehrten oft mit blauen Lippen und klapperten Zähnen unsere Köstlichkeiten.
Die letzten Jahre war Herr B. der Bademeister. Seine Frau war die Fleißige, die alles sauber machte. Er dagegen wachte über alle Badegäste und versorgte kleine Wunden und Insektenstiche mit lustigen bunten Pflastern. Dann tat es nur halb so weh.
Zum Saisonende, meistens Anfang bis Mitte September, war Abschwimmen. Dann trafen wir die beiden in dem Jahr zum letzten Mal. Wehmütig schwammen wir ein letztes Mal und beendeten die Saison anschließend mit einem gemütlichen Beisammensein. Frau B. brühte eine große Kanne Kaffee auf und M. brachte immer einen frisch gebackenen, leckeren Kuchen mit. Die anderen sorgten mit Plätzchen, Chips und Nüssen für ein lustiges Beisammensein. Schließlich verabredeten wir uns alle bis zum nächsten Jahr.
Es war 1972. Mein Sohn war damals vier Jahre alt. Da fand im Freibad ein Schwimmwettbewerb statt. Der wurde in verschiedene Altersstufen eingeteilt. Die beiden Kleinsten waren vier und fünf Jahre alt. Sie traten in der kleinsten Altersstufe an. Ulli T. hat gewonnen und mein Sohn hatte den 2. Platz. Stolz ging er mit mir nach Hause. Ich hatte zu der Zeit immer Ärger mit dem Bademeister. Er wollte nicht, dass der Kleine im großen Becken schwamm. Er sprang aber trotzdem immer wieder hinein, tauchte und schwamm dann unter Wasser pfeilschnell weiter. Ich hatte ihn natürlich immer im Blick und war fast immer mit im Wasser. Damals störte es uns nicht, dass die sogenannte Sichttiefe nicht gegeben war.
Leider kam dann ohne große Vorankündigung die Nachricht, dass das Schwimmbad geschlossen werde. Dabei wurde noch kurz zuvor eine neue Pumpe gekauft und die Umkleidekabinen renoviert. Wir haben alle auf dem Hülser Markt demonstriert und man versprach uns, hoch und heilig: bis 2021 hat Hüls ein neues Freibad.
Schluss um 18 Uhr
von Iris Kühne
Wir verbrachten mit unseren Kindern im Sommer jede freie Minute im schönen Freibad. Verabreden brauchte man sich nicht, denn es war immer jemand da, den man kannte und mit dem man spielen konnte. Leider hieß es immer um Punkt 18 Uhr: „Matten raus!“ Und dann mussten alle aus dem Wasser und das Schwimmbad verlassen - egal, wie heiß es noch war.
In Hüls oben ohne
von Maria Mülders
Als Kind bin ich gerne ins Hülser Freibad gefahren. Allerdings mussten wir zuerst zu Hause die Beeren pflücken. Erst dann durften wir losradeln. Der Eintritt kostete 10 Pfennige. Ich kam mit Badeanzug und Handtuch. Darauf legte ich mich hin. Meine Freundinnen hatten eine alte Wolldecke mitgebracht. Eine von ihnen breitete ihre Decke auf der Wiese aus. Plötzlich bemerkte sie, dass sich etwas darunter bewegte. Was war das? Sie hatte sich über ein Mäusenest gesetzt.
Es gab chice Damen mit tollen Bikinis. Besonders sie wurden von den Jungs beschenkt! Sie bekamen in einem unbeobachteten Moment einen Frosch auf die Decke geworfen. Denn die gab es im Becken und die schwammen sogar zwischen uns. Daneben zogen Enten mit ihren süßen Küken ihre Runden. Die Entengrütze umrundeten wir einfach.
Als ich noch klein war, habe ich meine Liegefläche am schrägen Abhang zwischen den Maulwurfshügeln am kleinen Becken gewählt. Dort standen größere Bäume, die Schatten spendeten. Im kleinen Becken habe ich lange zu schwimmen geübt. Ich erinnere mich, auf Zehenspitzen gehend, den Kopf streckend kam ich so grade bis zum Balken. Der trenne den Bereich für Kleine vom dem der Großen. Gerne saßen wir auf dem Holzbalken. Das war aber verboten. Kaum waren wir oben, rutschten wir schon wieder runter, denn der runde Holzbalken war glitschig. Wenn dass der Bademeister Herr Dünwald sah, erklang ein schriller Pfeifton. Dann mussten wir schnell runter.
Einmal hatten wir einen großen Treckerreifen aufgetrieben. Schon mit dem durch Hüls zu radeln, war für uns eine Herausforderung. Im Bad angekommen nahmen wir ihn mit ins Wasser. Wunderbar! Wir versuchten zu viert darauf zu sitzen und wieder herunterzuhopsen. Herrlich!
Eckenschwimmen machten meistens Jungs. Daran habe ich mich nicht beteiligt. Leider weiß ich auch nicht mehr, wie es geht. Ich übte Köpper. Es gab sechs Startblöcke. Zum Abschluss gab es ein Sprungbrett. Ich war stolz, als ich einen Köpper vom Startblock oder vom Sprungbrett konnte, später sogar einen Seemannsköpper. Dabei hält man die Arme fest am Körper. Gerne schlug ich auch ein Rad ins Wasser. Das Wasser war Anfang des Jahres sehr kalt. Gut kann ich mich noch an 19° erinnern.
Das Becken hat ja Olympiamaße: 50 m! Das fand ich immer schon klasse. Am östlichen Beckenrand drohte ich einmal unterzugehen, weit weg von Herrn Dünwald. Eine Freundin meiner Schwester rief: „Maria geht unter!“ Die Schwester kam schnell in meine Nähe wollte mich retten, denn sie konnte schon lange schwimmen. Sofort klammerte ich mich an ihre Schulter, so dass ich auch sie tiefer drückte und wir beide Angst hatten, unterzugehen. Irgendwie haben wir es dann doch bis zum Beckenrand geschafft.
Die Toiletten stanken stark nach Urin. Darum gingen wir, nur wenn es dringend nötig war, dort hin. Die Umkleidekabinen stanken ebenfalls eklig nach Urin. Dort haben wir uns nicht gerne umgezogen. Wenn wir eine Kabine aussuchten, wählten wir eine lochfreie, denn in manchen waren durch Astlöcher Gucklöcher entstanden. Die Nachbarin zu beobachten, war für manchen Bad